HAWK: Hochschulleitung begrüßt unabhängiges Gutachten

Zum Hintergrund: An der Hochschule HAWK in Hildesheim findet ein Seminar zu Israel/Palästina statt, gegen das verschiedene Gruppen und Institutionen Vorbehalte haben, wie der Presse zu entnehmen ist. Wir veröffentlichen hier eine Stellungnahme der Hochschulleitung.

Prof. Dr. Christiane Dienel äußert sich zu Vorwürfen gegen eine Lehrveranstaltung (Deutsch/Englisch)

Die Leitung der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen begrüßt ausdrücklich die vom zuständigen Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen beschlossene Einsetzung eines unabhängigen externen Gutachters zur Untersuchung der Vorwürfe angeblicher antisemitischer Tendenzen in dem von der HAWK angebotenen Seminar „Zur sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina“.

„Die Vorwürfe treffen uns hart, und wir sind überzeugt, dass sie ungerechtfertigt und unhaltbar sind“, sagte die Präsidentin der HAWK, Prof. Dr. Christiane Dienel. „Die wissenschaftliche Betrachtung gesellschaftlicher Situationen verlangt eine Behandlung aus unterschiedlichsten Perspektiven und die – selbstverständlich kritische – Einbeziehung unterschiedlicher Quellen. Nichts anderes ist hier der Fall. Unsere Hochschule unterhält vielfältige und lebendige Beziehungen nach Israel. Der Vorwurf des Antisemitismus ist in höchstem Maße ungerechtfertigt und verletzt alle Beteiligten sehr.“

Die Hochschule wird der einzuberufenden, unabhängigen Expertenkommission alle gewünschten Möglichkeiten zur Einsichtnahme geben und die Arbeit der Expertenkommission in jeder Hinsicht unterstützen.

Die zuständige Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit plant schon länger die Zusammenführung der bisher zwei Seminare zur Situation in Nahost in eines und hatte der Ethik-Kommission hierüber berichtet. Für diese Neukonzeption kann das Gutachten sicher wichtige Anregungen geben. Es ist nach derzeitigem Stand beabsichtigt, diese neu konzipierte Lehrveranstaltung im Wintersemester anzubieten.

Stellungnahme der Präsidentin der HAWK, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim – Holzminden – Göttingen, Prof. Dr. Christiane Dienel, vom 29. Juli 2016, zu den zunächst durch den Zentralrat der Juden in Deutschland und anschließend in der Jüdischen Allgemeinen, der Jerusalem Post sowie in den Sozialen Medien erhobenen Vorwürfen gegen eine Lehrveranstaltung an der Hochschule



Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich in zwei Schreiben an den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen sowie an die Wissenschaftsministerin gewandt und Kritik an der Lehrveranstaltung „Die soziale Lage der Jugendlichen in Palästina“ geübt. Kernpunkt der Kritik sind die dort verwendeten Quellen, zu denen auch sehr israelkritische Materialien gehören. Ich habe daraufhin die Ethikkommission unserer Hochschule gebeten zu prüfen, ob diese, seit zehn Jahren an unserer Hochschule angebotene Lehrveranstaltung, gegen die Prinzipien wissenschaftlicher Lehre verstößt. Die Ethikkommission hat dies einstimmig verneint. Die kritisierten Quellen dienen im Seminar als Material zur kritischen Auseinandersetzung, sie sind selbstverständlich nicht Auffassung der Dozentin oder der Hochschule.

Dieser Sachverhalt wurde anschließend Gegenstand einer ausführlichen Berichterstattung in der Jüdischen Allgemeinen (der Wochenzeitschrift des Zentralrats der Juden) und in der Jerusalem Post. In diesen Artikeln wird u.a. der Vorwurf erhoben, die Hochschule habe jahrelang Antisemitismus verbreitet. Als Beleg werden die im Seminar verwendeten israelkritischen Quellen angeführt, während unsere Hinweise ignoriert wurden, dass das kritisierte Seminar nur in Kombination mit einem Seminar aus israelischer Sicht belegt werden kann, um so die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen im Konflikt zu erlernen.

 Hierzu nehme ich persönlich wie folgt Stellung:

Meinungspluralität ist konstitutiv für eine wissenschaftliche Hochschule; beide Seminare, sowohl das zur Lage der Jugendlichen in Palästina, als auch das zum jüdischen Leben in Deutschland, sind, ebenso wie das gesamte Lehrangebot der HAWK, derart ausgestaltet, dass sich die Studierenden kritisch mit den jeweiligen Positionen auseinandersetzen. Die Verwendung israelkritischer Quellen bedeutet nicht, dass sich Lehrende diese Positionen zu Eigen machen, wie es die Berichterstattung unterstellt.

 Ich wehre mich deshalb entschieden gegen den Vorwurf, die Hochschule habe jahrelang Antisemitismus verbreitet. Antisemitismus ist der Hochschule fremd; im Gegenteil pflegen die Kolleginnen und Kollegen der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, ebenso wie Kolleginnen und Kollegen anderer Fakultäten, vielfältige und herzliche Austauschbeziehungen zu israelischen Hochschulen, Kolleginnen und Kollegen.

 Mittlerweile hat die Berichterstattung zu einer Welle von Vorwürfen gegen unsere Hochschule geführt, die den Namen „Shitstorm“ verdienen. Kolleginnen und Kollegen und auch ich selbst werden massiv beschimpft und bedroht, Privatadressen werden ausgeforscht. Möglicherweise werden die Kolleginnen und Kollegen in der Fakultät Soziale Arbeit deshalb dieses Lehrangebot überdenken. Es ist ihnen auch nur schwer zuzumuten, dem enormen öffentlichen Druck weiter standzuhalten, und es steht zu befürchten, dass sich dieser auch innerhalb der Veranstaltungen entlädt.

Ich würde sehr bedauern, wenn ein solches Lehrangebot an der HAWK zukünftig nicht mehr möglich wäre, denn Pluralität und das Aushalten sehr unterschiedlicher Positionen sind für akademisches Lernen konstitutiv, und gerade das konnte in den beiden in Frage stehenden Lehrveranstaltungen sehr gut erfahren werden.

Ich bin traurig und betroffen, in welchem falschen Licht unsere Hochschule öffentlich dargestellt wird. Diese unberechtigten Vorwürfe tun mir auch persönlich sehr weh.

Aber hier wird unsere Hochschule und diese Lehrveranstaltung zum Austragungsort des Palästina-Konflikts gemacht, und in der Art der Berichterstattung wird uns keinerlei Chance gelassen. Ziel ist offenbar, mit allen Mitteln zu verhindern, dass unterschiedliche Sichtweisen zu diesem Konflikt an unserer Hochschule zu Wort kommen dürfen.  Es soll mit moralischem Druck und dem völlig unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus erzwungen werden, dass den Kritikern nicht genehme Inhalte an unserer Hochschule verbannt werden.

Vor diesem Hintergrund sehe ich es als meine Amtspflicht, die grundgesetzlich geschützte Freiheit der Lehre zu verteidigen, und zwar umso mehr, je schriller die Vorwürfe werden.

Prof. Dr. Christiane Dienel
- Präsidentin -
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst
Hildesheim – Holzminden – Göttingen
http://www.hawk-hhg.de/aktuell/default_214161.php

Nachtrag: Kommentar des IPK (Institut für Palästinakunde Bonn)

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2 Gedanken zu “HAWK: Hochschulleitung begrüßt unabhängiges Gutachten

  1. Wie die Israel-Lobby die Freiheit der Wissenschaft bekämpft
    Die Affäre an der HAWK ist ein Musterbeispiel anti-demokratischen Vorgehens
    Arn Strohmeyer
    Ein großes Lob für Frau Professor Christiana Dienel von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim – Holzminden – Göttingen (HAWK), die den Mut hat, der Israel-Lobby die Stirn zu bieten und auf die grundgesetzlich verbürgte Freiheit der Wissenschaft zu verweisen. Die entscheidende Passage in ihrer Antwort auf die Antisemitismus-Vorwürfe sind die Sätze: „Aber hier wird unsere Hochschule und diese Lehrveranstaltung zum Austragungsort des Palästina-Konflikts gemacht, und in der Art der Berichterstattung wird uns keinerlei Chance gelassen, Ziel ist offenbar, mit allen Mitteln zu verhindern, dass unterschiedliche Sichtweisen in diesem Konflikt zu Wort kommen dürfen. Es soll mit moralischem Druck und dem völlig unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus erzwungen werden, dass den Kritikern nicht genehme Inhalte an unserer Hochschule verbannt werden. Vor diesem Hintergrund sehe ich es als mein Amtspflicht an, die grundgesetzlich geschützte Freiheit der Lehre zu verteidigen, und zwar um so mehr, je schriller die Vorwürfe werden.“
    Man kennt das inquisitorische Vorgehensmuster der Zionisten und der Israel-Lobby seit Jahren: jeden Hauch von Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern mit dem Totschlagargument des Antisemitismus-Vorwurfes zu unterbinden. Unter dem Deckmantel des (an sich ja sehr notwendigen) Kampfes gegen den Antisemitismus werden Gegner der israelischen Politik – zumeist Menschenrechtsaktivisten, Publizisten, Autoren und Wissenschaftler – von diesen Gesinnungspolizisten in übelster Weise diffamiert und denunziert. Da ist jedes Mittel recht: Da wird versucht, Auftritte und Diskussionen, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen zu verhindern. Der politische Gegner wird nicht mit Argumenten angegangen (ganz offensichtlich hat man keine), sondern er soll eingeschüchtert und mundtot gemacht und notwendige Debatten im Keim erstickt werden. Das hat Methode. Noam Chomsky hat ein solches Vorgehen als „totalitär“ bezeichnet, und genau das ist es. Es gefährdet in höchsten Maße die für die Demokratie wesentlichen Kernelemente: Meinungs-, Rede-, Informations- und Pressefreiheit. Der Fall an der HAWK ist nach vielen anderen ähnlichen Vorfällen ein Musterbeispiel dafür, dass hier der Anti-Antisemitismus politisch missbraucht und ideologisch instrumentalisiert wird. >>>
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  2. Betr.: Antisemitismus-Vorwurf gegen eine Lehrveranstaltung an der HAWK

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    über das Göttinger Tageblatt habe ich von den Antisemitismus-Vorwürfen gegen eine von der Ethik-Kommission der HAWK abgesegnete Lehrveranstaltung gehört. Auch an der Göttinger Universität ist kürzlich ein ähnlicher Versuch gemacht worden, der sich letztlich als das erwies, was er auch gewesen ist: Ein untauglicher Versuch, die Freiheit der Lehre zu behindern. Es fällt auf, dass bei Nahost-Diskussionen immer dann nach „Ausgewogenheit“ gerufen wird, wenn israelische Menschenrechtsverletzungen zur Sprache kommen, wenn es um gezielte Tötungen und den Abriss von Häusern geht, wenn Kollektivstrafen eingesetzt werden, um große Bevölkerungsteile zu diskriminieren. Als ehemaliger uneingeschränkter Israel-Freund habe ich meine Meinung nach den ersten Wochen meines dreimonatigen Aufenthaltes als Menschenrechtsbeobachter im Auftrage des Weltkirchenrates ändern müssen. Ich war entsetzt über das Unrecht, das Tag und Nacht Menschen nicht-jüdischen Glaubens angetan wird. Inzwischen bin ich im Frühjahr von meiner sechsten Reise in die besetzten Gebiete zurückgekommen. Die Situation dort hat sich – auch innerhalb der jüdisch-israelischen Bevölkerung dramatisch verschärft. Nach der Exekution eines am Boden liegenden Palästinensers in Hebron im März durch einen israelischen Soldaten plädierten zwei Drittel der Israelis dafür, diesem Soldaten einen Orden wegen seiner Tat zu verleihen. Die Ermordung des 18 Monate alten Babies Ali Dawabsheh aus dem Dorf Duma, das sich jetzt gejährt hat, wurde von Siedlern mit Tanzfesten gefeiert.
    Ich möchte dem Zentralrat der Juden, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Frau Kahane von der Antonio-Amadeu-Stiftung und anderen, für die die Universalität der Menschenrechte ihre Grenzen an der Sperranlage in den besetzten Gebieten finden, die Worte des deutsch-französischen Juden Alfred Grosser zu bedenken geben: „Die Palästinenser sind die letzten Opfer des Holocaust.“ Und die Jüdin Eva Illouz, französische Soziologin, ergänzt in einem Interview aus dem Jahr 2015: „Die israelische Gesellschaft ist vor langer Zeit der heiligen Dreieinigkeit von Siedler, Religiösen und Reichen in die Hände gefallen. Können wir uns den Tyranneien widersetzen, die den demokratischen Geist Israels ausgelöscht haben?“

    Mit freundlichem Gruß
    Ekkehart Drost
    DPG Göttingen

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